Das Programm zum Konzert von Violina Petrychenko (Ukraine) am 20.12.2025



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«Adventsklänge»
von J. S. Bach bis S. Liudkevych
In der Adventszeit sehnen wir uns nach Schönheit, Wärme
und einer feierlichen Stimmung. Im Konzert erklingen
Klavierminiaturen, vielfältig in Charakter und Stil, zugleich
verbunden durch eine poetische, lyrische Ausdrucksweise.
Sie schaffen eine Atmosphäre des Erwartens – von stiller
Freude, Frieden und innerer Harmonie.
Frédéric Chopin (1810–1849)
Mazurken op.17
Frédéric Chopin widmete sich dem Genre der Mazurka
sein Leben lang. Inspiriert vom musikalischen Erbe seiner
Heimat, verbrachte er die Sommer oft in Masuren, der
Region, aus der dieser Volkstanz stammt. Dort hörte er die
Lieder und Weisen örtlicher Musiker und verwandelte
Elemente des polnischen Folklorestils in eine kunstvolle
Form der Klavierminiatur.
Ein Jahrhundert später findet diese Tradition ein Echo im
Werk des ukrainischen Komponisten Viktor Kosenko
(1896–1938). Sein „ukrainischer Blick“ auf das
europäische Klavierrepertoire formte sich bereits während
seines Studiums am Warschauer Konservatorium. Der
Einfluss Chopins ist in seinen frühen Werken deutlich zu
spüren, darunter im Zyklus Drei Mazurken op. 3 (1916–
1923).
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Stanislav Liudkevych (1879–1979)
Nocturne cis-Moll (1954)
Dieses Nocturne entstand in der Atmosphäre kultureller
Salonbegegnungen im Lemberger Haus der
Wissenschaftlerin Olha-Olena Yurkevych, wo sich die
intellektuelle und künstlerische Elite der Stadt versammelte.
In einem Brief an den Komponisten schrieb sie:
„Manchmal vergesse ich, wer Sie sind, und verhalte mich so
ungezwungen… Und manchmal beobachte ich Sie –
besonders wenn Sie spielen – und genieße jeden
Augenblick.“
Am 24. Dezember, am Heiligen Abend, antwortete
Stanislav Liudkevych auf diese besondere Nähe mit einer
musikalischen Botschaft: seinem Nocturne cis-Moll.
Vasyl Barvinsky (1888–1963)
Fünf Präludien (1908)
Vasyl Barvinsky gilt als einer der „letzten Romantiker“
der modernen ukrainischen Musikgeschichte. Er verbindet
in seinem Stil volksliedhafte Intonation, klassische Klarheit
der Proportionen und eine neoromantische Klangsprache.
Die Fünf Präludien, entstanden mit zwanzig Jahren,
zeichnen sich durch feine Farbnuancen, poetische
Stimmungen und die Herausbildung seiner individuellen
Handschrift aus.
1948 wurde Barvinsky verhaftet und gezwungen, im Hof
des Lemberger Konservatoriums sämtliche eigenen
Partituren zu verbrennen. Zehn Jahre verbrachte er in den
Mordwiner Lagern. Nach seiner Rückkehr rekonstruierte er
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seine Werke aus dem Gedächtnis – bis zu seinem
Lebensende. 1964 wurde er rehabilitiert.
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
„Schafe können sicher weiden“
aus der Kantate BWV 208
Die Arie Nr. 9 aus der Kantate Was mir behagt, ist nur die
muntre Jagd, komponiert 1713 zum Geburtstag des Herzogs
von Sachsen-Weißenfels, besitzt einen ruhigen, idyllischen
Charakter. Die zarte Melodie entfaltet sich in einer barocken
pastoralen Klangwelt und klingt wie ein leises, lichtes Gebet.
Im Original ist die Arie für zwei Alt-Blockflöten und Basso
continuo gesetzt.
Edvard Grieg (1843–1907)
Notturno, op. 54 Nr. 4
(aus dem Zyklus Lyric Pieces, 1891)
Der Zyklus Lyric Pieces (1867–1901) umfasst zehn Hefte mit
Miniaturen, die Grieg als „intime Geschichte meines
Lebens“ bezeichnete. Er poetisierte in diesen Stücken die
nordische Natur – ihre Mythen, Märchen, herb-kristallene
Schönheit und stille Erhabenheit.
Das Notturno, im Sommer 1891 in Trolldhaugen
komponiert, entstand unter dem Eindruck der
„samtschwarzen Nächte über der Bucht“, wie Grieg schrieb.
Sanft pulsierende Begleitfiguren, liedhafte nordische
Melodik und farbige, bisweilen impressionistische
Harmonik formen einen Klangraum stiller nächtlicher Tiefe.
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Franz Liszt (1811–1886)
Polnisch aus dem Zyklus Weihnachtsbaum, S. 186
(1873–1881)
Der Zyklus Weihnachtsbaum besteht aus zwölf
Charakterstücken und ist Liszts Enkelin Daniela von Bülow
gewidmet. Die Uraufführung fand am Heiligen Abend 1881
in ihrem Hotelzimmer in Rom statt.
Diese Miniaturen aus Liszts Spätwerk verzichten auf
virtuosen Glanz; stattdessen entfalten sie eine klare,
abgeklärte Klangsprache und eine feierlich-erwartungsvolle
Stimmung der Weihnachtszeit.
Mykola Leontovych (1877–1921)
Shchedryk
(Klaviertranskription von Serhii Yushkevych)
Shchedryk, weltweit bekannt als Carol of the Bells, basiert
auf einer ukrainischen Neujahrsmelodie, deren Wurzeln bis
in die Kiewer Rus zurückreichen. Ursprünglich
symbolisierte sie den Frühlingsbeginn, der bei den
Ostslawen mit der Rückkehr der Schwalben zusammenfiel.
Leontovych verwandelte diese einfache Vier-NotenMelodie in eine meisterhafte Chorkomposition, die
internationale Bekanntheit erlangte.
In den 1920er Jahren machte der Ukrainische Nationalchor
unter Alexander Koshetz das Werk während einer
Weltreise berühmt. Nachdem es im New Yorker Carnegie
Hall erklang, schuf der Dirigent Peter Wilhousky die
englische Fassung Carol of the Bells, in der die Schwalben
durch „jingling bells“ ersetzt wurden.
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Leontovych, der sich in der Ukraine vor bolschewistischen
Repressionen versteckte, wurde 1921 von einem Agenten der
sowjetischen Tscheka ermordet – ohne zu erfahren, dass
sein Shchedryk eines der bekanntesten musikalischen
Symbole der Ukraine werden sollte.
Violina Petrychenko (Klavier)
Die ukrainische Pianistin aus Saporischschja erhielt ihre
musikalische Ausbildung an der Nationalen Musikakademie
der Ukraine und setzte ihr Studium später an den
Musikhochschulen in Weimar, Köln und Essen fort. Sie
wurde u. a. mit dem DAAD-Preis ausgezeichnet. Ein
zentraler Fokus ihres künstlerischen Schaffens ist die
internationale Präsentation ukrainischer Klaviermusik.
Mit vielbeachteten Aufnahmen wie Ukrainische
Stimmungen, The Silent Voice of Vasyl Barvinsky und
Dreams – Ukrainian Hope (Opus-Klassik-Nominierung)
hat sie sich als bedeutende Botschafterin dieser Musik
etabliert. Besondere Anerkennung fand ihre
Wiederentdeckung des Werkes von Vasyl Barvinsky, dessen
Klavierkonzert sie 2022 erstmals in London und Palermo
aufführte.
Als gefragte Konzertpianistin tritt sie regelmäßig in
Deutschland und Europa auf. 2023 gründete sie das Festival
Sounds of Ukraine, das die Vielfalt ukrainischer Musik
präsentiert. Zu ihren jüngsten Projekten zählen Auftritte in
der Berliner Philharmonie sowie Konzerttourneen mit
Werken von Barvinsky und Kosenko. Ihr aktuelles Album
Winter Whispers stieß in der europäischen Presse auf große
Resonanz.

Tatjana Shylina-Lenk