Konzertprogramm von Lilian Akopova (Deutschland) am 21.09.2025


Joseph Haydn (1732–1809)
Sonate in h-moll, Hob. XVI:32
1.Allegro moderato
2.Menuett
3.Finale. Presto
Frédéric Chopin (1810–1849)
Sonate Nr. 3 h-moll, op. 58
1.Allegro maestoso
2.Scherzo. Molto vivace
3.Largo
4.Finale. Presto non tanto
Levko Revutsky (1889–1977)
Sonate h-moll, op. 1 (1912)
.
Sonatenwelt in h-moll
Haydn – Chopin – Revutsky
«Der Prozess, welcher den Tondichter diese oder jene
Grundtonart zur Aussprache seiner Empfindungen wählen
lässt, ist unerklärbar wie der schöpferische Genius selbst,
der mit dem Gedanken zugleich die Form, das Gefäß gibt,
das jenen einschließt».– Robert Schumann.
Für das heutige Konzert wurde das Genre der
Sonate gewählt, verbunden durch die Tonart h-moll.
Diese Tonart hatte in verschiedenen Epochen eine
besondere Aura. In der h-moll-Messe von Johann
Sebastian Bach versetzt sie in eine Atmosphäre der
Trauer, des geistigen Kampfes und der Reue. JeanPhilippe Rameau nannte sie „traurig und feierlich“.
Beethoven betrachtete h-moll als „schwarze Tonart“
und verwendete sie weder in seinen Sonaten noch in
den Symphonien.
Doch gerade in h-moll schrieb Schubert seine
berühmte Symphonie „Unvollendete“ in der Tonart, die
seine Vorgänger Haydn, Mozart und Beethoven im
symphonischen Genre mieden. In h-moll entfaltete
Franz Liszt die dramatische, „faustische“
Phantasmagorie seiner Sonate. Auch die Sonate op. 1
von Alban Berg – ein eindrucksvolles
.
expressionistisches Manifest des frühen 20.
Jahrhunderts – steht in dieser Tonart. Der deutsche
Anthropologe Hermann Beckh, bezeichnete diese
Tonart als „Licht der geistigen Welt, das für die äußeren
Sinne wie Dunkelheit erscheint“.
Im heutigen Konzert mit Lilian Akopova erklingen
drei Klaviersonaten – von Joseph Haydn, Frédéric
Chopin und Levko Revutsky – unterschiedlich in Zeit
und Stil, jedoch verbunden durch die gemeinsame
Tonart, durch welche die Musikepochen dreier
europäischer Kulturen sichtbar werden.
Joseph Haydn (1732–1809)
Sonate h-moll, Hob. XVI:32
Die Sonate Hob. XVI/32 entstand Mitte der
1770er-Jahre, als Haydn am Hofe des Fürsten
Esterházy wirkte und intensiv an Opern, Symphonien
und Kammermusik arbeitete. Es war eine Zeit des
schöpferischen Aufschwungs, in der er mit Form und
Dramaturgie in verschiedenen Gattungen
experimentierte. Haydn schrieb etwa 60 Klaviersonaten,
doch nur eine davon in h-moll. Dieses Werk nimmt
einen besonderen Platz in der Wiener Klassik ein.
Frédéric Chopin (1810–1849)
Klaviersonate Nr. 3 h-moll, op. 58
Im April 1844 erlebte Chopin den Tod seines
.
Vaters. Tief getroffen von diesem Schlag,
verschlechterte sich seine Gesundheit. Im Sommer zog
er sich nach Nohant, in den Landsitz von George Sand,
zurück, wo er Ruhe suchte und sich ganz der
Komposition widmete. Dort entstanden zwei Perlen
seines späten Stils: die h-moll-Sonate op. 58 und die
Barcarolle op. 60.
Die Einzigartigkeit dieser Sonate liegt in ihrer
strukturellen und emotionalen Tiefe. Sie verbindet die
traditionelle Sonatenform mit Elementen der Ballade,
die dem späten romantischen Stil eigen sind: ein
dramatischer Dialog der Themen im ersten Satz, ein
transparentes Scherzo, ein meditatives Adagio in H-dur
und ein heroisches Finale. Dieser Übergang vom
tragischen Beginn zum lichten Ende wird oft als Symbol
geistiger Transformation gedeutet.
Levko Revutsky (1889–1977)
Sonate h-moll, op. 1
Levko Revutskys erster Lehrer im Klavierspiel war
Mykola Lysenko, ein Freund der Familie. Sein Bruder
Dmytro Revutsky, ein bekannter Folklorist und
Ethnograph, bat Lysenko, den jungen Levko anzuhören
– ein Ereignis, das die weitere Richtung seiner
musikalischen Ausbildung bestimmte.
Seine erste Klaviersonate op. 1 schrieb Revutsky1912
im Alter von 23 Jahren und spielte sie bei der
.
Aufnahmeprüfung am Kiewer Konservatorium. Das
Werk markierte sein erstes bedeutendes pianistischen
Schaffen. Gleichzeitig studierte er weiter an der
juristischen Fakultät.
Die Sonate ist in einem postromantischen Stil
geschrieben, zugleich aber stark von Chopins Poetik
beeinflusst.
In der groß angelegten Form entfaltet Revutsky
ein monumentales dramaturgisches Gefüge. Indem er
die drei Sätze zu einer Einheit verbindet, unterstreicht
der Komponist durch den Monothematismus der
Ecksätze die innere Geschlossenheit des Werkes
Schon in diesem ersten Klavieropus zeigt er eine
seltene Fähigkeit, melodische Lyrik mit komplexer
Harmonik zu verbinden – ein Stil, der später in seinen
symphonischen und kammermusikalischen Werken zu
voller Blüte gelangte.
Lilian Akopova (klavier)
„In meinen Programmen liebe ich es, Kontraste zu setzen.
Entscheidend sind für mich die inneren Bezüge zwischen
den Werken, nicht die Chronologie.“ — Lilian Akopova
Die in Kiew geborene und heute in München
lebende Pianistin Lilian Akopova ist Preisträgerin
zahlreicher internationaler Wettbewerbe, darunter erste
Preise beim Vianna da Motta Wettbewerb (Lissabon),
beim Roma Wettbewerb (Rom), beim Carlet
.
Wettbewerb (Valencia), beim Sulmona Wettbewerb
(Italien), beim Steinway Wettbewerb (München) sowie
der 3. Preis beim renommierten Busoni Wettbewerb
(Bozen). 2014 wurde sie mit dem deutschen Musikpreis
ECHO Klassik ausgezeichnet.
Lilian Akopova gastierte in bedeutenden
europäischen Konzertsälen wie der Berliner
Philharmonie und dem Konzerthaus Berlin, im
Herkulessaal der Münchner Residenz, im Wiener
Musikverein, im Athenäum Bukarest, in der Salle Cortot
in Paris und im Palau de la Música in Valencia. Sie trat
mit dem Münchener Kammerorchester, dem Haydn
Orchester, dem Orquestra Sinfónica Portuguesa, dem
Staatsorchester Kiew u. a. unter Dirigenten wie Arthur
Fagen, Julia Jones und Volker Schmidt-Gertenbach
auf.
Ihre Diskografie umfasst rund zehn CDs; das
Album Jazzissimo (2023, mit Matthias Well) wurde für
den Opus Klassik nominiert. Konzerte von Lilian
Akopova wurden von ARTE, BR, Deutschlandfunk
Kultur, Rai, France Télévisions und weiteren
europäischen Sendern übertragen. Seit 2019 ist sie
Professorin für Klavier und Kammermusik an der
Kalaidos Musikhochschule Zürich und gründete 2016
ihre eigene Stiftung zur Unterstützung von Kindern.

Tatjana Shylina-Lenk