Konzertprogramm von József Örmény (Ukraine) am 20.09.2026 in der Ev.Grunewaldkirche, Berlin

 Wege und Wandlungen 

Mykola Lysenko (1842–1912)
Heroisches Scherzo op. 25 (1880)
Franz Schubert (1797–1828)
Moments musicaux Nr. 2 und Nr. 3, D 780,
op. 94 (1823–1828)
Yevhen Stankovych (1942)
Sonatina (1966)
Vasyl Barvinsky (1888–1963)
Zwei Präludien aus „Acht Präludien“ op. 8
(veröffentlicht 1918)
Bohdana Frolyak (1968)
Beethoven’s Cloud No. 2 (2023)
Franz Schubert (1797–1828)
Impromptu Nr. 4, As-Dur, op. 90, D 899 (1827)
Robert Schumann (1810–1856)
Sonate Nr. 1 fis-Moll op. 11 (1833–1835)

Wege und Wandlungen

Im Programm stellen wir westeuropäische und
ukrainische Komponisten vor, die nach dem Prinzip
des Kontrastes miteinander verbunden sind.
Dadurch wird deutlich, wie sehr sich Gattungen, Stile
und musikalische Sprache unter dem Einfluss
gesellschaftlicher Veränderungen und individueller
künstlerischer Intention wandeln.

Mykola Lysenko (1842–1912)
„Heroisches Scherzo“ op. 25 (1880)
Im Zeitalter der Romantik entwickelte sich die Gattung
des Scherzos (ital. scherzo – „Scherz“) in der Musik des 19.
Jahrhunderts zu einem eigenständigen Konzertstück mit einer
ausgeprägten Dramaturgie, markanten Kontrasten und
brillanter virtuoser Faktur.

Das „Heroische Scherzo“ von Mykola Lysenko führt die
Traditionen der europäischen Romantik fort, insbesondere die
Traditionen Frédéric Chopins. Der heroische Gestus, die
farbige Bildhaftigkeit und die lyrische Erhebung der Musik
entstehen aus den Intonationen ukrainischer Dumy (epischer
Gesänge), Volkslieder und Kosakentänze.
Bemerkenswert ist, dass Lysenko das „Heroische Scherzo“
während der Arbeit an seiner Oper „Taras Bulba“ nach der
gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol komponierte. So
setzt das Werk die Linie der Bilder ukrainischer
Heldengeschichte und des Kosakenepos fort.

Franz Schubert (1797–1828)
Moments musicaux D 780, op. 94
(1823–1828)
Die Moments musicaux und die Impromptus op. 90
entstanden in den letzten Lebensjahren Schuberts – in einer
Zeit höchster schöpferischer Reife. In diese Schaffensperiode
fallen auch die Unvollendete Symphonie, das Streichquartett
Der Tod und das Mädchen, der Liederzyklus Winterreise
sowie die letzten Klaviersonaten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Europa ein
neues künstlerisches Weltverständnis, das den persönlichen
Erfahrungsraum des Menschen, psychologische Reflexion und
innere Freiheit in den Mittelpunkt rückte. In Schuberts Musik
begegnet uns jenes besondere Empfinden musikalischer Zeit,
das Robert Schumann als „himmlische Länge“ bezeichnete.

Durch den gesanglichen Fluss der Melodik, harmonische
Freiheit und die subtile Variabilität der Faktur verleiht
Schubert dem Augenblick künstlerische Dauer und entfaltet
seinen unerschöpflichen Reichtum an emotionalen Nuancen.

Yevhen Stankovych (*1942)
gilt als einer der
bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen ukrainischen
Musik. Sein Schaffen umfasst Symphonien, Opern, Ballette,
Kammer- und Chorwerke sowie Filmmusik.
Die Sonatina (1966)
entstand in der Zwölfton- und
seriellen Technik. Bereits als Student des Kyjiwer
Konservatoriums wandte sich Stankovych den innovativen
Kompositionsverfahren der Zweiten Wiener Schule – Arnold
Schönberg, Alban Berg und Anton Webern – sowie den frühen
Werken Pierre Boulez ’zu. Diese Auseinandersetzung eröffnete
ihm ein weites Feld musikalischer Experimente im Bereich der
Avantgarde.
Ähnlich wie der Kubismus ein Bild in einzelne Elemente
zerlegt, entsteht die musikalische Architektur der Sonatina aus
dem Zusammenspiel eigenständiger Klangstrukturen, ihrer
Aufteilung in verschiedene Register, klanglicher und
rhythmischer Kontraste sowie vielfältiger Konfigurationen des
seriellen Materials.

Vasyl Barvinsky (1888–1963)
Der ukrainische Komponist, Pianist, Pädagoge, Dirigent und
Musikfunktionär Vasyl Barvinsky zählt zu den tragischsten
Persönlichkeiten der ukrainischen Musikgeschichte.

1948 wurde Barvinsky verhaftet. Nach dem Urteil der
sowjetischen Behörden verbrachte er zehn Jahre in einem
Arbeitslager in Mordwinien; der Großteil seiner Manuskripte
wurde vernichtet. Nach seiner Rückkehr rekonstruierte der
Komponist zahlreiche eigene Werke aus dem Gedächtnis.

Die beiden Präludien aus dem Zyklus Acht Präludien op. 8
entstanden während Barvinskys Studienzeit am Prager
Konservatorium und wurden 1918 in Leipzig veröffentlicht.
Bereits diese frühen Werke machten die europäische
Musikwelt auf das außergewöhnliche Talent des jungen
ukrainischen Komponisten aufmerksam.

Schon in seinen frühen Kompositionen verbindet Barvinsky
ukrainische Melodik auf organische Weise mit der klanglichen
Farbigkeit des europäischen musikalischen Modernismus.
Seine Präludien zeichnen sich durch fein nuancierte
Klangfarben, subtile dynamische Abstufungen,
impressionistisch schimmernde Harmonik und eine
transparente Faktur aus.
Bohdana Frolyak (*1968)
Beethoven’s Cloud No. 2
(2023) ist dem Andenken an
den ukrainischen Dirigenten Yurii Kerpatenko gewidmet,
der 2022 in Cherson von russischen Besatzungstruppen
ermordet wurde.
Das Werk entstand im Rahmen des internationalen Projekts
32 Bright Clouds: Beethoven Conversations Around
the World. Die Uraufführung fand 2025 in Tokio statt;
anschließend erklang das Werk in der Ukraine und in New
York. In Berlin wird die Komposition von Bohdana Frolyak
erstmals aufgeführt.

Die Anspielungen auf Beethovens Zweite Klaviersonate
sind in die spannungsreiche Dramaturgie des Werkes
eingebunden und erhalten im Kontext der ukrainischen
Gegenwart eine neue Bedeutung. Der abschließende Des-Dur-
Akkord, der gegenüber der Beethovenschen Vorlage um einen
Halbton nach unten verschoben ist, scheint eine Welt zu
symbolisieren, die aus ihrer Achse geraten ist und nie wieder
dieselbe sein wird.
„Kunst, so meine ich, besonders die Musik, sollte ein Gefühl
von Licht und Katharsis hinterlassen.“
(Bohdana Frolyak)

Franz Schubert (1797–1828)
Impromptus As-Dur op. 90, Nr.4
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Robert Schumann (1810–1856)
Sonate Nr. 1 fis-Moll op. 11 (1833–1835)
Über seine Erste Sonate schrieb Robert Schumann an Clara
Wieck, sie sei ein einsamer Ruf seines Herzens an sie; das mit
Clara verbundene Thema erscheine darin in vielfältigen
Gestalten.
Die in den Jahren 1833–1835 entstandene Erste Sonate gehört
zur frühen Schaffensperiode des Komponisten. Die
Erstausgabe war Clara Wieck gewidmet und erschien unter
den Namen Florestan und Eusebius – Schumanns beiden
schöpferischen Alter Egos, die die gegensätzlichen Seiten
seiner künstlerischen Persönlichkeit verkörperten.Die Sonate besteht aus vier Sätzen,

die durch gemeinsame
thematische Bezüge miteinander verbunden sind.
Musikwissenschaftler heben ihre

ungewöhnliche
kompositorische Anlage hervor: Lyrische Themen,

die
Schumann frühen Liedkompositionen entnahm, ziehen sich
durch den gesamten Zyklus und verleihen der Sonate eine
innere Einheit sowie eine besondere psychologische
Geschlossenheit.

Tatjana Shylina-Lenk

József Örmény
ist Volkskünstler der Ukraine, Professor
und Leiter der Klavierabteilung an der Mykola-Lysenko-
Musikhochschule in Lwiw sowie einer der renommiertesten
ukrainischen Pianisten und herausragenden Interpreten
unterschiedlichster musikalischer Epochen.
Sein Repertoire reicht vom Barock und der Romantik bis zur
Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, mit einem besonderen
Schwerpunkt auf ukrainischer Musik.
In seinem Programm „Wege und Wandlungen“ präsentiert
der Pianist Werke von Franz Schubert, Robert Schumann,
Jevgen Stankovytch, Bohdana Froliak und Mykola Lysenko.