Das Programm zum Konzert von Boris Zobin (Ukraine) am 24.01.2026
Frédéric Chopin (1810–1849)
Barcarolle Fis-Dur, Op. 60 (1845–1846)
Franz Liszt (1811–1886)
Vallée d’Obermann
aus Années de pèlerinage I: Suisse, S.160
(1848–1854)
Viktor Kosenko (1896–1938)
Étüden in Form alter Tänze, Op. 19 (1928–1929)
– Menuett
– Courante
– Sarabande
– Bourrée
– Gavotte
– Passacaglia
.
Auf den Wellen der Romantik
Die Blütezeit der Romantik in der Musik entwickelte
sich im 19. Jahrhundert. Die Erweiterung traditioneller
musikalischer Formen, mutige harmonische
Experimente, freiere Ausdrucksmöglichkeiten am
Instrument sowie improvisatorische Virtuosität wurden
kennzeichnend für die Werke der Komponisten. Dieser
eng mit der Salonkultur verbundene Stil ermöglichte
eine lebendige, flexible und spontane Spielweise und
eröffnete neue Horizonte emotionalen Ausdrucks.
Im Konzertprogramm stehen Werke von drei
Komponisten: Frédéric Chopin (1810–1849), Franz
Liszt (1811–1886) und Viktor Kosenko (1896–1938).
Trotz ihrer Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Epochen
verbinden diese Künstler einige wesentliche
Gemeinsamkeiten. Alle drei waren brillante Pianisten,
und das Klavier wurde zum Hauptinstrument ihres
musikalischen Ausdrucks. Jeder von ihnen beherrschte
die Kunst der Improvisation virtuos: Chopin und Liszt
begeisterten das Publikum in Salons und auf
Konzertbühnen, Kosenko hingegen in Konzertsälen und
sogar in Kinosälen beim Begleiten von Stummfilmen.
Die Zuhörer besuchten die Filmvorführungen oft
mehrfach, allein um seine Improvisationen zu hören.
Gleichzeitig verbindet alle drei eine tiefe Bindung an
ihre jeweilige nationale Kultur, die Stil und Charakter
ihrer Musik prägte:
.
Chopin, trotz seines Lebens außerhalb Polens,
bewahrte stets eine enge Verbindung zur polnischen
Volkskultur. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er
in kleinen polnischen Städten, wo die musikalischen
Traditionen von Volksfesten mit authentischen
Melodien, Liedern und Tänzen seine unverwechselbare
musikalische Sprache prägten.
Liszt, geboren in der österreichisch-ungarischen
Monarchie, sprach kein Ungarisch, kannte aber von
Kindheit an den ungarischen Folklore-Schatz. Trotz
seines bewegten Lebens mit zahlreichen Reisen,
Veränderungen und künstlerischen Suchbewegungen
blieben ungarische Motive für ihn stets eine
Inspirationsquelle und ein geistiger Bezug zur
Heimatkultur.
Kosenko hatte die Möglichkeit, innerhalb des
sowjetischen Systems Karriere zu machen, entschied
sich jedoch bewusst für einen Weg, der mit der
ukrainischen Kultur verbunden war, und kehrte aus
Petrograd in seine Heimatstadt Schytomyr zurück. In
seinem Schaffen verschmelzen west-europäische
Traditionen organisch mit einer romantischen
Neuinterpretation ukrainischer Folklore.
Frédéric Chopin – Barcarolle Fis-Dur, op. 60
(1845–46)
Die Barcarolle – ein Genre, das aus den Liedern der
venezianischen Gondolieri stammt und sich durch
einen sanften, wellenartigen Rhythmus auszeichnet –
ist in Chopins Schaffen nur einmal vertreten: die
.
Barcarolle Fis-Dur, op. 60, eines der bedeutendsten
Werke seiner Spätzeit. Sie entstand 1845–1846 und ist
im charakteristischen 6/8-Takt mit einem
durchgehenden wellenartigen Puls gestaltet. Das Stück
verbindet weitläufige, gesangliche Melodik mit
reichhaltiger Harmonik und komplexer, virtuoser
Klaviertextur und zeigt den reifen Stil des Komponisten.
Franz Liszt – Vallée d’Obermann (1835–1836)
Vallée d’Obermann („Das Tal von Obermann“) ist
das zentrale und monumentale Werk des ersten Bandes
von Années de pèlerinage („Jahre der Pilgerschaft“).
Der Zyklus entstand 1835–1836 unter dem Eindruck
einer Reise durch die Schweiz, die Liszt zusammen mit
seiner Geliebten, Gräfin Marie d’Agoult, unternahm.
Das Stück ist inspiriert vom Briefroman Obermann des
französischen Schriftstellers Étienne Pivert de
Sénancour, den Liszt während seiner Reise gelesen
hatte. Die Hauptfigur des Romans erlebt eine tiefe
existenzielle Krise und sucht den Sinn des Lebens in der
majestätischen Natur der Alpen. Diese Motive
spiegelten sich stark in der Musik des 24-jährigen Liszt
wider, der selbst auf der Suche nach seinem Lebensund künstlerischen Weg war.
Vallée d’Obermann ist ein programmatisches Werk mit
freier Form, das sich um zwei kontrastierende Themen
entfaltet: ein dunkles, von Zweifeln und innerer
Erschöpfung geprägtes Thema und ein helles, von
Hoffnung und Lebenskraft getragenes. Ihr ständiges
.
Ineinandergreifen erzeugt eine tiefe emotionale
Dramaturgie, verstärkt durch dynamische Kontraste
und eine dichte, großangelegte Klaviertextur.
Viktor Kosenko (1896–1938) – „Elf Etüden im
Stil alter Tänze“, op. 19 (1928–1929)
Dieser Klavierzyklus ist ein einzigartiges kulturelles
Ereignis und ein Juwel der pianistischen
Aufführungskunst im musikalischen Leben der Ukraine
des 20. Jahrhunderts. Unter Pianisten gilt er als
besonders anspruchsvoll, sowohl in virtuoser als auch
in künstlerischer Hinsicht. In den 1990er Jahren wurde
der Zyklus sogar für Sinfonieorchester bearbeitet.
Kosenko schrieb über seine Herangehensweise: „Ich
habe diese klaren, festen alten Formen genommen und
versucht, sie mit der Empfindung unserer Zeit zu füllen,
mit ihrer dynamischen Ausrichtung.“
Jede der elf Etüden bezieht sich auf Barocktänze
(Menuett, Gavotte, Allemande, Sarabande usw.) und
transformiert sie durch eine postromantische
Musikästhetik mit komplexer polyphoner Textur,
charakteristischen tonalen und harmonischen
Merkmalen der Volksmelodik sowie einer brillanten
virtuosen Basis, die der Etüdenform entspricht. Der
Komponist verwendet keine direkten Volkslieder oder
Zitate, doch seine Musik ist durchdrungen von
volksliedhaften und tänzerischen Intonationen und
erhält so eine ausgeprägte nationale Färbung.
.
Boris Zobin ist ein Musiker mit einem vielfältigen, sehr
breit gefächerten akademischen Studium und ebenso
facettenreicher internationaler Konzerttätigkeit.
In der Ukraine geboren und ausgebildet, lebt er in Tel Aviv;
er erhielt zahlreiche Preise von hohem Renomée, darunter
der erste Preis beim Wettbewerb für Klavierkonzerte der
Jerusalemer Musikakademie (1999), und beim MagdaMeyers-Wettbewerb in Be’er Sheva (1999), der dritte Preis
beim Internationalen Klavierwettbewerb in Saint-Nom-laBretèche (Paris, 2000).
Sein Klavier Repertoire umfasst eine breite stilistische
Vielfalt –von barocken Partiten und Präludien Bachs bis hin
zu romantischen Werken von Chopin, Liszt und Brahms.
Boris Zobin ist jedoch nicht nur ein tiefgründiger Interpret
des romantischen Repertoires, sondern auch der Musik des
frühen 20. Jahrhunderts, wie Ravel und Debussy.
Einen besonderen Platz in seinen Programmen nimmt die
ukrainische Musik von M. Lysenko, V. Kosenko, L.
Revutskyund S. Bortkiewicz ein. Seine Interpretationen
zeichnen sich durch ausgeprägtes Phrasierungverständnis,
dramatische Formgestaltung und eine feine Klangpalette
aus.
Nach Beginn des Krieges in der Ukraine gab Boris Zobin
zweimal Benefizkonzerte, deren Erlöse vollständig den
Streitkräften der Ukraine zugutekamen.
Im Jahr 2023 spielte er im Viktor-Kosenko-Museum in
Kiew den gesamten Zyklus „11 Etüden in der Form alter
Tänze“ – eines der bedeutendsten Werke der ukrainischen
Klaviermoderne.
Tatjana Shylina-Lenk



