Das Programm zum Konzert von Yurii Kot (Ukraine) am 22.02.2026
Ludwig van Beethoven (1870–1827)
Klaviersonate Nr.8, op.13 „Pathetique“ (1798)
Klaviersonate Nr.14, op.27 Nr.2
„Mondscheinsonate“ (1801)
Vasyl Barvinsky (1888–1963)
Klaviersonate Des-dur (1910)
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Bekanntes und Unbekanntes — Korrektur der
Musikgeschichte
Seit über zwei Jahrhunderten gelten die Klaviersonaten
Ludwig van Beethovens als leuchtendes Beispiel für die
Tradition der klassischen europäischen Klaviermusik.
Die Sonate des ukrainischen Komponisten Vasyl
Barvinsky, 1910 komponiert, hätte hingegen seit mehr als
hundert Jahren auf den großen Bühnen der Welt erklingen
können, wenn ihr Schicksal nicht eine tragische Wendung
genommen hätte.
Auf Anordnung der sowjetischen Obrigkeit wurde
dieses Werk gemeinsam mit anderen Manuskripten auf dem
Hof des Lemberger Konservatoriums im Jahr 1948
verbrannt. Barvinsky selbst wurde für zehn Jahre in die
mordwinischen Arbeitslager deportiert. Nach seiner
Rückkehr suchte Barvinsky bis zum Ende seines Lebens
seine Kompositionen aus dem Gedächtnis zu
rekonstruieren.
Fast ein halbes Jahrhundert lang blieb die Musik Vasyl
Barvinskys vergessen und erst seit der Unabhängigkeit der
Ukraine beginnt sie, allmählich ins Konzertleben
zurückzukehren.
Da die sowjetische Regierung die ukrainische Kultur
gezielt zerstörte, ist das Schaffen Barvinkys außerhalb der
Ukraine bis heute weitgehend unbekannt.
Die Berliner Premiere der Klaviersonate des ukrainischen
Komponisten neben den weltberühmten Sonaten
Beethovens ist daher ein Ereignis von besonderer
Bedeutung — ein Akt der Korrektur einer zerstörten
Geschichte der ukrainischen Musik im gesamteuropäischen
Kunstkontext.
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Ludwig van Beethoven (1770—1827)
Klaviersonate Nr. 8 c-Moll op. 13 „Pathétique“
(1798)
Am Ende des 18. Jahrhunderts war Wien die
musikalische Hauptstadt Europas, ein Zentrum intensiver
künstlerischer Bewegung. Hierher kam der junge Ludwig
van Beethoven im Jahr 1792 und fügte sich rasch in die
Traditionen der Wiener Meister ein. Schon bald wurde sein
Name neben jenen von Joseph Haydn und Wolfgang
Amadeus Mozart zu einem festen Bestandteil jener
Musikgeschichte, die seit mehr als zwei Jahrhunderten als
„Wiener Klassik“ bezeichnet wird.
Die-Sonate „Pathétique“ entstand, als Beethoven 28
Jahre alt war und ist dem Grafen und Mäzen Karl von
Lichnowsky gewidmet. Beethoven erweiterte die
Möglichkeiten des Klaviers, indem er die Textur mit einem
„orchestralen“ Klang erfüllte: Die „Symphonisierung“ der
Klaviersprache sowie die Zusammenführung der einzelnen
Sätze zu einer geschlossenen künstlerischen Gesamtheit
erhob das Genre der Sonate auf eine neue Ebene.
Die drei Sätze sind von einer einheitlichen
dramaturgischen Idee getragen — dem Weg „von der
Dunkelheit zum Licht“. Musikkritiker betrachteten diese
Sonate als künstlerisches Bild eines Dialogs zweier Kräfte:
des unerbittlichen Schicksals und des menschlichen
Strebens, es zu überwinden. Dieses Bild erscheint später
erneut in der„Eroica“, der Dritten Sinfonie, und schließlich
in der Fünften Sinfonie, die ebenfalls in derselben Tonart cMoll steht.
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Klaviersonate Nr. 14 cis-Moll op. 27 Nr. 2
„Mondscheinsonate“ (1801)
Der Musikschriftsteller Ludwig Rellstab verglich die
Musik des ersten Satzes mit dem Mondlicht, das sich auf der
Oberfläche des Vierwaldstättersees spiegelt — daraus
entstand später der Name „Mondscheinsonate“. Das Werk
ist der Gräfin Giulietta Guicciardi gewidmet, einer Wiener
Aristokratin und Klavierschülerin Beethovens. Der
Komponist selbst bezeichnete die Sonate als „Sonata quasi
una fantasia“ Indem er sich von den kanonischen
Strukturen der klassischen Sonatenform entfernte, verband
Beethoven kontrastierende Charaktere zu einer
geschlossenen dramaturgischen Einheit:
von der kontemplativen, poetischen Stimmung des ersten
Satzes über das leichte, tänzerische Scherzo, -das Franz
Liszt mit einer „Blume zwischen zwei Abgründen“ verglich
— bis hin zum kraftvollen, emotional aufgeladenen Finale
als Kulminationspunkt. Seit mehr als zweihundert Jahren
nimmt dieses Werk einen besonderen Platz im
internationalen Konzertrepertoire ein.
Vasyl Barvinsky (1888–1963)
Klaviersonate Des-Dur (1910)
Vasyl Barvinsky ist eine der zentralen und zugleich
tragischen Persönlichkeiten der ukrainischen Musikkultur
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts — ein Komponist
von europäischem Rang. Sein künstlerischer Weg formte
sich im Raum der mitteleuropäischen Kultur zwischen
Lemberg, Prag und Wien und wurde durch den
stalinistischen Terror gewaltsam unterbrochen.
Seine professionelle Ausbildung erhielt Barvinsky in
Lemberg und am Prager Konservatorium, wo er sich im
Umfeld der modernen europäischen Kunst des frühen 20.
Jahrhunderts entwickelte. Bereits in diesen Jahren zeigte er
als Pianist und Komponist ein ausgeprägtes Interesse an
neuen kompositorischen Techniken und Formen. Nach
seiner Rückkehr nach Lemberg wurde Barvinsky zu einer
zentralen Figur des musikalischen Lebens der Stadt: Über
24 Jahre leitete er das Mykola-Lysenko-Musikinstitut und
später das Lemberger Konservatorium, wobei er seine
kompositorische mit pädagogischer, organisatorischer und
aufklärerischer Tätigkeit verband.
Nachdem er fast taub nach zehnjähriger Haft in den
mordwinischen Lagern im Jahr 1958 nach Lemberg
zurückgekehrt war, wurde ihm jedoch verboten zu
unterrichten oder auch nur das Gebäude des
Konservatoriums zu betreten. Verbittert fasste er sein Leben
mit den Worten zusammen „Ich bin ein Komponist ohne
Partituren.“
Dennoch war Vasyl Barvinsky der erste ukrainische
Komponist, dessen Werke auf verschiedenen Kontinenten
veröffentlicht wurden — in Europa, den Vereinigten Staaten
und Japan (Edition Peters, Universal Edition, Nakamura bis
1939).
Einen besonderen Platz in seinem Schaffen nimmt die
Sonate Des-Dur (1910) ein — die erste ukrainische
Klaviersonate des 20. Jahrhunderts. Groß angelegt in Form
und Virtuosität, verbindet sie die klassische Sonatenstruktur
mit Merkmalen modernen musikalischen Denkens. Im
ersten Satz wird der rhythmisch-intonatorische und
pentatonische Kern der Siciliana in streng
monothematischer Weise entwickelt, während das Finale in
einer komplexen Doppelfuge gipfelt.
Heute kehrt das Erbe Vasyl Barvinskys allmählich auf
ukrainische und internationale Bühnen zurück. Sein Werk
erscheint als Beispiel einer hochentwickelten europäischen
Kultur, die vernichtet werden sollte, die jedoch aus der
Geschichte der Musik nicht ausgelöscht werden kann.
Tatjana Shylina-Lenk



