Borys Liyatoshynskyi (1895-1968)
Am Beispiel von Borys Ljyatoshynsky, der als Begründer der ukrainischen Avantgarde gilt, lassen sich die Besonderheiten der modernen ukrainischen Musik am besten erläutern.
Verwurzelt in der spätromantischen Musik von Richard Wagner, Gustav Mahler und Franz Liszt, deutlich beeinflusst von Alexander Skrjabin und dem österreichischen Expressionismus wie auch von der Zweiten Wiener Schule (Arnold Schönberg und Alban Berg), nutzte Ljyatoshynskyj in den 1920er Jahren ungewöhnliche und radikale Kompositionstechniken, wie man sie sowohl bei dem Ungarn B. Bartok als auch bei dem Polen Karol Szymanowski findet. Ljyatoshyinskyj schuf eine neue Musik, indem er expressionistische, impressionistische und neofolkloristische Elemente zusammenführte und in der Ukraine etablierte. Seine Musik entwickelte einen lebendigen, individuellen Stil, der die bis dahin geltenden Stile und Genres erweiterte. Sein Klavierwerk der 1920er Jahre ist ein einzigartiges Beispiel dieses ukrainischen Modernismus. 1923 hatte Arnold Schönberg sein neues Tonsystem, die Zwölftontechnik, veröffentlicht. In demselben Jahr schrieb Ljyatoshynskyj einen Zyklus von fünf Stücken für Klavier (op. 23). Auf der Grundlage klarer humanistischer Überzeugungen bildete er in seiner Musik die ausgeprägten Widersprüche und die Tragik einer Existenz in einer totalitären Gesellschaft ab. Seine Schüler Valentin Silvestrov, Vitaly Godziatsky, Petrov Solovkin, Leonid Grabovsky und andere gründeten in den 1960er Jahren eine Musikgruppe mit dem Namen: „Kiewer Avantgarde“, die sich durch eine Erneuerung der musikalischen
Sprache, durch avantgardistisches Experimentieren und durch die Beherrschung der Kompositionstechniken des 20. Jahrhunderts (Aleatorik, Zwölftontechnik, Sonorismus etc.) auszeichnete. In der Sowjetzeit waren diese Komponisten starker Kritik und Repressionen ausgesetzt.

