Levko Revuzkyi (1889-1977)

Levko Revuzkyi wuchs in einer Familie alten Adels auf, in der Musik eine große Rolle spielte. Sein Bruder, Dmytro Rewuzkyi, war einer der bekanntesten Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaftler. Die Brüder sind auf der Liste der 100 bekanntesten Ukrainer verzeichnet.

Nach dem Tod der Eltern zog Levko nach Kyjiv, begann zunächst mit einen Jurastudium und nahm Klavierunterricht bei dem berühmten Komponisten Mykola Lysenko. Sein anfänglicher Wunsch, Klaviervirtuose zu werden, wandelte sich unter dem Einfluss des nahezu gleichaltrigen Komponisten Reinhold Glière.

Dessen innovative Experimente inspirierten ihn zu eigenen Kompositionen, die sich mutig über die bestehenden akademischen Grenzen hinwegsetzten. So schrieb er u.a. die Chorkantate „Hystna“, komponierte Klaviermusik und bearbeitete ukrainische Volkslieder.

L. Revuzkyi durchlebte 2 Weltkriege. An der Front in Riga fand er 1917 in einem weitgehend zerstörten Haus einen noch intakten Flügel vor. Er versuchte, auf diesem Flügel das Geräusch der Ostseebrandung nachzuahmen. 1921 fügte er dieses Es-Dur-Präludium in den Zyklus von 2 Präludien op.7 ein.

Die Musik ist von einem erhabenen, zuversichtlichen Geist erfüllt und vermittelt unter Nutzung aller Klavierregister das Bild einer ruhigen und majestätischen Meereslandschaft.

Nach der Rückkehr in die Ukraine, als die Bolschewisten die Macht übernommen hatten, wurden er und seine Familie vom Familiengut vertrieben; vorübergehend mussten sie in einem Stall leben. 1919 wurde er verhaftet und als „feindliches Element“ zum Tode verurteilt. Nur durch das Eingreifen seines Bruders Dmytro wurde er gerettet.

Als Musiker arbeitslos, arbeitet L. Revutzkyi bei der Bahn, fuhr aber fort zu komponieren. Er schrieb u.a. eine Chorkantate und Klavierpräludien.

Seine Werke wirken durch den Gebrauch emotionaler und expressiver Harmonien und die Vielfalt der Tonalität in einer polyphonen Struktur.

Revutzkyis Werke wurden von seinen dortigen Kollegen sehr geschätzt. Er wurde eingeladen, am Musik- und Theaterinstitut von Kyjiw zu unterrichten (benannt nach Mikola Lysenko).

Mit seiner zweiten Sinfonie gewann Revutzkyi 1927 den ersten Preis des Allukrainischen Wettbewerbs und schuf damit die Grundlagen der sinfonischen ukrainischen Musik des 20. Jahrhunderts. Die musikalische Textur basiert auf ukrainischer Volkslyrik mit ihrer Begeisterung für die Natur, dem Eintauchen in die umgebende Welt, Leichtigkeit und Transparenz der musikalischen Bilder und erreicht eine Sensibilität, die nicht illustrativ, sondern tiefgründig und berührend wirkt.

Die Partituren beider Sinfonien, des Klavierkonzerts sowie zahlreicher Chor- und Klavierwerke verbrannten während des II. Weltkriegs.

Die 1930 einsetzenden, noch härteren Repressionen forderten von den Künstlern, die kommunistische Partei zu verherrlichen und ihr zu dienen. Andernfalls wurden sie des Verrats beschuldigt und zu „Volksfeinden“ erklärt mit der Folge, in Lager geschickt oder erschossen zu werden.

In der sowjetischen Gesellschaft wurde das gesamte kompositorische Schaffen einer strengen Kontrolle durch die kommunistische Ideologie unterstellt. Der Komponistenverband übernahm die Kontrolle. Der kreative Elan wurde erstickt mit der Folge, dass Revutzkyi kaum noch Musik schrieb.

Während des zweiten Weltkriegs, als Revutzkyi einen Lehrstuhl für Komposition, Musiktheorie und-Geschichte im Konversatorium von Taschkent, Usbekistan, leitete, wurde sein einziger Sohn an der Front schwer verwundet, der Bruder und seine Frau wurden von Tschekisten mit der Axt brutal ermordet. Sämtliche Werke wurden vernichtet. Der Verlust des Bruders beeinflusste Revutzkyi tiefgreifend.

Nachdem sein enger Kollege Lyatoshynsky Verfolgungen und Kritik wegen seiner Dritten Sinfonie erfahren musste, die heute als Juwel des ukrainischen Symphonik gilt, vernichtete Revutzkyi seine eigene neue Dritte Symphonie, um Repressionen zu entgehen.

Im Mai 1944 kehrte Revutzkyi ins befreite Kiew zurück. Er arbeitete am Konservatorium und in der Komponistenunion der Ukraine, die er von 1944-1948 leitete und war Mitglied des Vorstands der Komponistenunion der UdSSR. Obgleich er versuchte, seine verlorengegangenen Werke zu rekonstruieren, blieb seine darüber hinaus gehende kreative Arbeit eher spärlich.

Er genoss hingegen die Arbeit mit Studenten. Viele gehörten zu der zukünftigen Elite der ukrainischen Musik, so P. und G. Mayboroda, A.Filipenko, M. Dremlyuga, V.Kireyko. Vielen von ihnen gewährte Revutzkyi in den schwierigen Nachkriegsjahren heimlich „Stipendien“ aus seinem eigenen Einkommen.

Revutzkyi, der die Tragödie seiner Epoche durchlebt hatte, übermittelte den nachfolgenden Generationen den lebendigen Kern der ukrainischen musikalischen Kultur.

Zusammenfassung: Levko Revutzkyj ist eine der herausragendsten Persönlichkeiten der ukrainischen Musikkultur der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Lebens- und Schaffenskatastrophe dieses Künstlers, der in der Blüte seiner Kraft von der Komponistentätigkeit Abstand nahm, ist im Kontext der Ereignisse der ukrainischen Geschichte des letzten Jahrhunderts zu betrachten. Die Erschütterung durch die Ermordung seines Bruders, des Kunstwissenschaftlers, Literaturwissenschaftlers und Folkloristen Dmytro Revutzkyj, im Jahr 1941 und der Verlust vieler eigener Manuskripte während des Zweiten Weltkriegs teilten das Leben Revutzkyjs in zwei Hälften: eine aktiv kreative Periode in den 1920er und 1930er Jahren, geprägt von der ukrainischen Renaissance und den stalinistischen Repressionen, sowie einige Jahrzehnte des „Schweigens“.

Die kompositorische Denkweise von Levko Revutzkyj zeichnet sich durch ein tiefes Eintauchen in die Uralt-Schichten der ukrainischen Folklore aus, betrachtet durch das musikalische Weltbild des 20. Jahrhunderts. Hierbei steht der Neofolklorismus im Zentrum, welcher den kreativen Prinzipien eines Béla Bartók nahekommt. Seine Musik offenbart ein intensives postimpressionistisches Gespür für Timbre und Harmonie, durchzogen von Momenten gewaltiger expressionistischer Spannung, die besonders oft in seinen Klavierwerken Ausdruck findet. Die Klaviermusik des Komponisten wurzelt in den Traditionen des romantischen Klavierspiels, in dem sich Gesanglichkeit und virtuose Konzertgestaltung vereinen.