Das Programm zum Konzert von Antonii Baryshevskyi (Ukraine) am 19.10.2025


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Arvo Pärt (geb. 1935)
• „Für Alina“ (1976)
• „Variationen zur Gesundung von Arinuschka“ (1977)
Valentyn Sylvestrov (geb. 1938)
• Zwei Stücke aus dem Zyklus Kinderalbum Nr. 1
(1977)
• The Messenger (1996)
Borys Ljatoshynskyi (1895–1968)
• aus Spiegelungen, op. 16 (1925):
I. Maestoso e con fermezza
II. Vellutato assai
III. Tempestoso
V. Come di lontananza
Maurice Ravel (1875–1937)
Miroirs (1905):
I. Noctuelles („Nachtfalter“)
II. Oiseaux tristes („Traurige Vögel“)
III. Une barque sur l’océan („Ein Boot auf dem Ozean“)
IV. Alborada del gracioso („Morgendliche Serenade des
Spaßmachers“)
V. La vallée des cloches („Das Tal der Glocken“)
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Spiegelungen
Von jeher spiegelt die Musik die Zeit wider, in der sie
komponiert wird.
Vor dem Hintergrund des bewegten 20. Jahrhunderts –
geprägt von neuen kulturellen Strömungen, Experimenten
und Anforderungen – entfaltet sie sich in der europäischen
Musiklandschaft besonders vielschichtig.
Das Programm „Spiegelungen“ vereint Musik von vier
Komponisten, die das facettenreiche Empfinden des 20.
Jahrhunderts verkörpern: Die feinsinnige
impressionistische Sprache von Maurice Ravel wandelt sich
zu den scharf dissonanten Aphorismen von Borys
Ljatoschynskyi, während die helle Zartheit des TintinnabuliStils von Arvo Pärt mit der metaphorischen Transparenz des
musikalischen Universums von Valentyn Sylvestrov
korrespondiert.
Arvo Pärt (1935*)
In den 1970er Jahren zog sich der estnische Komponist Arvo
Pärt aus der Informationsflut und dem Alltagslärm zurück
und schuf sich einen eigenen musikalischen Raum der
„klingenden Stille“. Er entwickelte die von ihm entdeckte
Technik „Tintinnabuli“ (lat. tintinnabulum – „Glöckchen“),
in der zwei Stimmen miteinander interagieren: eine
melodische, die sich diatonisch bewegt, und eine
„glöckchenartige“, die die Tonika arpeggiert. Daraus
entsteht eine Atmosphäre innerer Helligkeit und seelischer
Harmonie.
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„Für Alina“ (1976) ist das erste Werk in der TintinnabuliTechnik. Knappste Tonfolgen, minimale Textur und
langsames Tempo schaffen einen Raum stiller Versenkung.
Die Musik scheint die Zeit anzuhalten und öffnet einen Ort
des inneren Friedens. Das Stück ist der Tochter von
Freunden gewidmet, die nach der Scheidung der Eltern
nach England ging – es klingt wie ein Segen für ein neues
Leben.
Ein Jahr später komponiert Pärt die „Variationen zur
Gesundung von Arinuschka“ (1977), einen
Variationszyklus, der seiner eigenen Tochter Arina
gewidmet ist. Die grafische Klarheit und die
charakteristische „Klangglöckchen“-Struktur gewinnen hier
besondere Ausdruckskraft: die wiederholten Varianten
wirken wie ein inniges, bittendes Gebet – ein klingender
Heilungsgestus.
Valentyn Sylvestrov (1937*)
Mit dem Zyklus „Kindermusik“ (1977) eröffnet
Sylvestrov eine kammermusikalische, poetische Welt von
schlichter Intonation und feiner Lyrik. In diesen
Klavierminiaturen führt er uns zu den Ursprüngen der
Musik zurück – zu einer kindlichen Wahrnehmung des
Klanges als Wunder.
„The Messenger“ (1996), in memoriam seiner Frau
Larissa komponiert, ist als Dialog zwischen Irdischem und
Ewigem zu verstehen. Sylvestrov bezeichnete das Werk als
„Postskriptum zu Mozart und der gesamten
Klassiktradition“: mozartische Reminiszenzen verwandeln
sich allmählich in eine entrückte, ätherische Klangwelt. Der
Komponist erschafft das Bild eines „Boten“ zwischen den
Welten – einer zarten Klangsubstanz, die liebevolle
Erinnerungen und die Spur des Vergangenen trägt.
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Borys Ljatoschynskyi (1895–1968)
Zum 100. Jahrestag des Zyklus. Der Zyklus
„Vidobrazhennja“ („Spiegelungen“)
gehört zu den kühnsten Beispielen der frühen ukrainischen
Avantgarde, in dem sich eine neue künstlerische Welt des
jungen Ljatoschynskyi formiert. Der Komponist dringt tief
in die menschliche Psyche ein: seelische Zustände, innere
Widersprüche , Reflexionen und emotionale Impulse
werden zum Material seiner Musik.
Das 1925 entstandene Werk eröffnet ein neues Kapitel der
ukrainischen Musik. Inspiriert von den europäischen
Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts, bewegt sich
Ljatoschynskyi im Spannungsfeld zwischen Tonalität und
Atonalität: die Harmonik löst den tonalen Mittelpunkt auf,
rhythmische Strukturen erscheinen als plötzliche
Energieausbrüche, das traditionelle Metrum zerbricht, und
die Klaviertextur gewinnt orchestrale Plastizität.
Er schafft eine eigene musikalische Sprache – intellektuell
und emotional zugespitzt. Sein expressives Weltbild spiegelt
sich im empfindsamen Spiegel des inneren „Ich“. Hier formt
sich jener Ljatoschynskyi, den wir später in seinen Sinfonien
und Kammerwerken hören: ein Denker, Humanist und
Tragiker seiner Zeit, der das 20. Jahrhundert mit all seiner
Expressivität, seinem Schmerz und seiner Erkenntnis
erlebte.
Nach hundert Jahren klingen die „Spiegelungen“ wie ein
lebendiges Dokument ihrer Epoche – ein Klangspiegel, in
dem wir uns im Lichte der heutigen Kriegsrealität selbst
wiedererkennen.
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Maurice Ravel (1875–1937)
Der fünfteilige Klavierzyklus „Miroirs“ (1905) gehört zu
den Schlüsselwerken des französischen Impressionismus.
Mit einer Palette komplexer, schillernder Harmonien,
farbenreicher Klangnuancen und beweglicher rhythmischer
Strukturen schafft Ravel klangliche „Gemälde“, die beinahe
visuelle Assoziationen hervorrufen – das Spiel von Licht und
Schatten, das Flirren des Wassers oder das Nachklingen
ferner Glocken. Seine „malerische“ Metamorphose eröffnete
der Musik neue Ausdrucksmöglichkeiten und wies den Weg
zu mutigen Klangexperimenten.
1.Noctuelles („Nachtfalter“)
Flirrende Auf- und Abbewegungen – wie das Kreisen eines
Nachtfalters um das Licht. Transparente Texturen,
wechselnde harmonische Farben und ein schwebender
Bewegungsfluss prägen das Stück.
2.Oiseaux tristes („Traurige Vögel“)
Ein dunkler, melancholischer Charakter, in dem melodische
Linien wie Vogelrufe im Raum verhallen. Helle, perlende
Klangfarben verleihen dem Stück zarte Transparenz und
den Eindruck einer bebenden Einsamkeit.
3.Une barque sur l’océan („Ein Boot auf dem
Ozean“)
Ein musikalisches Seestück von grenzenloser Weite: das
Glitzern und Schaukeln des Wassers, in wellenförmigen
Arpeggien und farbenreicher Harmonik dargestellt.
4.Alborada del gracioso („Morgendliche
Serenade des Spaßmachers“)
Virtuos und funkelnd, erfüllt von spanischem
Temperament. Kontraste der Rhythmen und Klangfarben,
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scharfe Synkopen und brillante Passagen erzeugen ein
lebendiges Bild von Witz und feiner Ironie.
5.La vallée des cloches („Das Tal der Glocken“)
Eine ruhige, majestätische Klanglandschaft, in der das Echo
der Glocken allmählich im Raum verweht. Ravel nutzt
meisterhaft die Möglichkeiten des Klaviers, um den
schwebenden Zauber von Glockenklängen zu evozieren.
Kurzbiographie
von Antonii Baryshevskyi
Antonii Baryshevskyi wurde 1988 in Kiew geboren. Er
studierte an der Nationalen Musikakademie in Kiew und
Paris.
Er war Preisträger u.a. folgender Klavierwettbewerbe:
Arthur Rubinstein 2014 (1. Preis); 58. Ferruccio Busoni
International piano Competition 2011 (2. Preis und
Publikumspreis); 51.Internationaler Klavierwettbewerb
Premio Jaèn 2009 (1. Preis); 2. Internationaler Wettbewerb
der Internationalen Akademie für Musik (1. Preis).
Baryshevskyi trat in zahlreichen europäischen Ländern, den
USA und Israel auf und konzertierte mit bekannten
Orchestern in Konzerten und auf Festivals in den
bekanntesten Konzertsälen der Welt.
Website: https://www.antoniibaryshevskyi.com/
https://www.youtube.com/channel/UCh1AIunLT3wUfaqSB
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Tatjana Shylina-Lenk