Das Programm zum Konzert von Borys Fedorov (Ukraine) am 28.03.2026



Mykola Lysenko (1842–1912)
«Album des Sommers 1900»
• «Liebesgeständnis»
• «Lied der Liebe»
• «Serenade» (op. 37)
Robert Schumann (1811–1856)
Papillons, op. 2 (цикл для фортепіано)
Valentyn Sylvestrov (*1937)
Sonate Nr. 2 (1975)
Claude Debussy (1862–1918)
Trois Préludes (1909):
• «Les sons et les parfums tournent dans l’air
du soir»
• «Les collines d’Anacapri»
• «Des pas sur la neige»
L’isle joyeuse (1904)
.
Inseln der Musik
Die Strömungen der Musik im 19.- 21. Jahrhundert
bewegen sich zwischen drei Inseln — der Romantik, der
Moderne und der Avantgarde.
Die Romantik bildet den Nährboden der Moderne, die
Avantgarde hingegen durchbricht sämtliche Traditionen
und errichtet neue Klanglandschaften.
Die Musik dieser drei künstlerischen Stile - der
metaphorischen „Inseln― haben wir in unserem Programm
zu einem „Klangarchipel― verbunden.
Die romantischen Poetik spiegelt sich in den
phantastischen „Papillons― ( Schmetterlinge) von Robert
Schumann, sowie in der ukrainischen lyrischen Welt des „
Album des Sommers (1900) von Mykola Lysenko.
Claude Debussy verwisch mit impressionistischem
Pinsel die rhythmisch- harmonischen Grenzen der
romantischen Klangmalerei.
Am 1904 steigt am musikalischen Horizont seine
„L‘isle joyeuse (Die Insel der Freude)― wie eine
sonnendurchflutete Fontäne auf. 1909 schweben die
raffinierten Bilder der Préludes des französischen Meisters:
Sie kreisen als „Klänge und Düfte im Abendhimmel“, steigen
auf einer farbenreichen neapolitanischen Welle zu den
„Hügeln von Anacapri― empor und verschmelzen schließlich
mit den vorsichtigen „Schritten im Schnee“.
Ende der 1960er-Jahre durchbricht der ukrainische
Komponist Valentyn Sylvestrov – eingeschränkt durch
sowjetische Zensur – gemeinsam mit gleichgesinnten
Kyjiwer Komponisten die Schleusen des
„paradesowjetischen Glanzes― und bahnt einen Tunnel zur
europäischen Freiheit. Er wird zu einem der Architekten
einer unabhängigen „musikalischen Insel“, die heute als
„Kyjiwer Avantgarde― bekannt ist.
.
Mykola Lysenko (1842–1912)
„Album des Sommers 1900“
„Liebesgeständnis“, „Lied der Liebe“, „Serenade“, op. 37
Wie sich ein Reisender erinnerte, der zu Beginn des 20.
Jahrhunderts nach Kyjiw kam: Aus beinahe jedem Fenster
der Chreschtschatyk-Straße erklang Musik. Das häusliche
Musizieren war damals außerordentlich verbreitet, und das
Salon- und Kammergenre bildete einen wichtigen
Bestandteil des kulturellen Lebens. Gerade in der
Ästhetik der romantischen Salonminiatur schuf Mykola
Lysenko seinen Zyklus „Album des Sommers 1900“, der zu
einer Art lyrischem Tagebuch des Komponisten wurde. Die
elegante Atmosphäre der Salonromantik verbindet sich hier
mit Anklängen an die deutsche romantische Tradition.
Eine kurze Zitate aus dem „Album für die Jugend― von
Robert Schumann erscheinen im zweiten Stück des Zyklus,
„Lied der Liebe“, wie symbolische Erinnerungen an
Lysenkos Studienjahre und lösen sich im warmen lyrischen
Ton der ukrainischen Melodik auf. Bekanntlich begann
Mykola Lysenko seine professionelle musikalische
Ausbildung am Leipziger Konservatorium. Einer seiner
Lehrer war Ernst Ferdinand Wenzel, ein Vertreter der
deutschen romantischen Schule, der brillante Pianist und
Freund von Robert Schumann und Johannes Brahms. So
verweben sich die wunderbaren musikalischen Reime des
deutschen und ukrainischen Romantik zu der feinsinnigen
Poetik des lyrischen „Album des Sommers 1900“.
Robert Schumann (1811–1856)
Papillons, op. 2
Die Idee des Klavierzyklus „Papillons“ (1829–1831) geht
.
auf den Roman „Flegeljahre“ von Jean Paul zurück –
insbesondere auf die Szene eines Karnevalsmaskenballs, des
sogenannten „Maskentanzes“.
Die zwölf Miniaturen erscheinen dem Hörer wie
flüchtige Episoden eines Karnevalsballs. Die
Schmetterlinge sind ein metaphorisches Bild für
wechselnde Eindrücke, die im Tanzwirbel vorbeiziehen. Der
Zyklus gleicht einem poetischen Kaleidoskop von
Stimmungen und Charakteren – und lässt bereits jene
romantische Welt der Fantasie und symbolischen Bilder
erkennen, die sich später in Schumanns großen
Klavierzyklen entfalten wird.
Valentyn Sylvestrov (*1937)
Sonate Nr. 2 (1975)
„In der Musik des 20. Jahrhunderts erschien etwas
Merkwürdiges – die Angst vor der Stille. Doch wie sich
herausstellt, kann gerade die Stille das Kostbarste auf der
Welt sein. Die größte Idee ist ein ruhiges, friedliches Leben.
Das ist eine wirklich große Idee – nicht jene ‚großen Ideen‘,
für die Millionen von Menschenleben zerstört werden.“
(aus einem Interview des Komponisten, 2024)
In den 1960er-Jahren gründete Valentyn Sylvestrov
gemeinsam mit jungen ukrainischen Komponisten –
darunter Leonid Hrabovsky, Vitalii Hodzyatskyi, Volodymyr
Zahortsev und Volodymyr Huba – die Gruppe „Kyjiwer
Avantgarde“, die vom herausragenden ukrainischen
Dirigenten Ihor Blazhkov vereint wurde. Trotz Verbote und
sowjetischer Zensur eröffneten diese Künstler eine neue
Seite in der Geschichte der ukrainischen Musik, indem sie
sich an innovativen kompositorischen Techniken
orientierten. Später entfernte sich Sylvestrov jedoch von der
.
Avantgarde und fand eine neue musikalische Sprache, die er
„Metamusik“ nannte. Der Komponist sagte dazu:
„Die Avantgarde ist, als würde man nur Salz essen –
und davon zu viel. Ohne Salz wäre alles fade, aber es ist
vorhanden, es ist in diesen Texten präsent.“
Claude Debussy (1862–1918)
Drei Préludes (1909), „L’isle joyeuse“ (1904)
„Klänge und Düfte schweben im Abendhimmel“
Der Titel dieses Präludes stammt aus einer Zeile des
Gedichts „Harmonie du soir“ von Charles Baudelaire aus
der Sammlung Les Fleurs du mal.
Die Melodie eines beinahe improvisatorischen Walzers
scheint über würzigen Harmonien zu schweben und erzeugt
das Gefühl einer langsamen Bewegung der Luft – eines
Kreises von Düften und Klängen in der Abenddämmerung.
„Die Hügel von Anacapri“
Die Bilder dieses Präludes stehen in Verbindung mit
dem Ort Anacapri auf der italienischen Insel Capri.
Debussy zeichnet eine farbenreiche Atmosphäre der
südlichen Landschaft: Sonne, Meereswind, Glocken,
Volkstänze und Gesänge.
Der tänzerische Rhythmus der Tarantella und
leuchtende Akkordfiguren schaffen die Stimmung eines
Volksfestes.
„Schritte im Schnee“
Eines der zurückhaltendsten und melancholischsten
Préludes des Zyklus. Debussy zeichnet eine
Winterlandschaft, in der ein ostinater rhythmischer Bass an
langsame Schritte im Schnee erinnert. Über diesem
wiederkehrenden Puls entfaltet sich eine Melodie voller
Einsamkeit und stiller Betrachtung.
.
„L’isle joyeuse“ (1903–1904)
Der Impuls für dieses Werk entstand durch das
Gemälde „Einschiffung nach Kythera“ von Jean‑
Antoine Watteau – die Insel, die in der griechischen
Mythologie als Geburtsort der Liebesgöttin Aphrodite gilt.
Das Werk wird auch mit Debussys persönlichem Leben in
Verbindung gebracht: Er vollendete es während eines
Aufenthalts auf der Insel Jersey zusammen mit seiner
Geliebten Emma Bardac.
Borys Fedorov ist Verdienter Künstler der Ukraine,
Konzertpianist, Preisträger zahlreicher internationaler
Wettbewerbe und einer der führenden Musikpädagogen seines
Landes. Sein Repertoire umfasst Musik verschiedener Stile und
Epochen. Zu seinen Auszeichnungen zählen der Sonderpreis für
die Interpretation zeitgenössischer Musik in Porto (1993), der A.-
Roussel-Preis in Senigallia (1994), der zweite Preis beim
Wettbewerb in Rom (1995) sowie der Grand Prix des Festivals
Regina and Vladimir Horowitz In Memoriam in Kyjiw (1995).
Er trat mit führenden Orchestern auf und nahm mehrfach
für die Nationale Rundfunk- und Fernsehgesellschaft der
Ukraine auf. In den letzten Jahren konzertierte er außerdem im
Klavierduo mit seiner Tochter, der Pianistin Anna Fedorova, im
Großen Saal (Grote Zaal) des Concertgebouw in Amsterdam.
Darüber hinaus gab er Solokonzerte und Meisterkurse in China,
Griechenland und den Niederlanden.
Seit 2020 widmet sich Borys Fedorov auch intensiv der
Komposition. Seine Werke wurden im niederländischen
Nationalradio, beim Stift International Music Festival sowie bei
einem Konzert zum 30-jährigen Jubiläum des Labels Channel
Classics aufgeführt und fanden große Anerkennung bei
führenden Musikern und Komponisten.

Tatjana Shylina-Lenk