Vasyl Barvinsky (1888-1963)
Vasyl Barvinsky wurde in Ternopil in Galizien, Ostpolen geboren. Sein Vater war politisch aktiv, gab Lehrbücher zur ukrainischen Sprache und ukrainische Periodika heraus. Von Ternopil in Galizien zog die Familie nach Lwiw. Die Eltern unterhielten Kontakt zu führenden Persönlichkeiten der Ukraine, u.a. auch zu dem bekannten Musiker M. Lysenko. Dieser bestärkte die Eltern darin, den Sohn zum Musiker ausbilden zu lassen.
Nach Aufnahme des Studiums in Lemberg (Lwiw) setzte Barvinsky sein Studium 1907 am Konversatorium in Prag fort und konzertierte in der Zeit bereits als Pianist. Nach seiner Heirat 1915 kehrte er nach Lwiw zurück. 24 Jahre war er als Direktor des Lysenko-Musikinstituts in Lwiw tätig (zunächst unter österreichischer und dann unter polnischer Herrschaft). In den Jahren 1939-1941 und 1944-1948 leitete er das Konservatorium in Lemberg (Lwiw).
Als amerikanische Komponisten wie Charles Ives und Henry Cowell mit neuen Klängen experimentierten, entwickelte Barvinsky die „Cluster“ (Spiel mit der Faust oder der flachen Handfläche auf die Klaviertastatur), z.B. beim „Froschwalzer“ (1910). Clusterklänge finden sich auch in den Klaviersonaten in Cis-Dur und anderen Klavierwerken des Komponisten.
In der ersten ukrainischen Sonate im 20. Jahrhundert in Cis-Dur (1908) verknüpfte Barvinsky die klassische Sonatenstruktur mit der Struktur einer Tanzsuite. Sehr modern entwickelte er im ersten Satz monothematisch den rhythmisch-intonatorischen und pentatonischen Kern eines Siciliano und lässt das Finale mit einer phänomenalen Doppelfuge enden. Ab 1910 brachte er die revolutionär-neue Rhythmusmethode von Èmile Jaques-Dalcroze nach Lemberg (Lwiw).
Barvinski war der erste Ukrainer, dessen Werke Verleger in den USA, Europa und Japan fanden. In Moskau stießen diese avantgardistischen Klänge jedoch auf Ablehnung.1948 wurde er aufgrund einer Verleumdung zusammen mit seiner Frau zu 10 Jahre Haft in den Mordowischen Lagern verurteilt. Fast alle Werke wurden verbrannt. Im Ausland publizierte Werke und Abschriften seiner Schüler blieben erhalten. In der Ukraine galt er jedoch als „Komponist ohne Noten“.
Seine Frau und er waren in benachbarten Lagern untergebracht. Nach Erinnerungen von Zeitgenossen hielten sie sich während der seltenen halbstündigen Kontakte die Hände und schwiegen, da es ihnen nicht erlaubt war, ukrainisch zu sprechen. Auch der Kontakt zu dem ihm gegenüber arbeitenden und ebenso inhaftierten Metropoliten war aus demselben Grund durch das gemeinsame Schweigen bestimmt – und durch das Aneinanderreiben von Ziegeln.
Aus den Briefen an seine Frau, die Barvinsky in dem Konzentrationslager (1956-1958) schrieb, geht vot allem seine Sorge um den Sohn, einem sehr begabten Cellisten, hervor. Für ihn schrieb er im Konzentrationslager ein Cellokonzert. Die Tragik der Entstehungsgeschichte ist vergleichbar mit der Entstehung anderer musikalischer Werke wie dem “Quartett für das Ende der Zeit“ von Olivier Messaien, das er im KZ schrieb.
1958, nach der Rückkehr aus der Lagerhaft, war es ihm nicht erlaubt, pädagogische Arbeit zu leisten. Er durfte das Gebäude des Konversatoriums nicht betreten. Er versuchte, einzelne seiner verloren gegangenen Werke aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, wofür seine Lebenszeit jedoch nicht ausreichte.
Seine m Wunsch, die ukrainische musikalische Kultur mitzugestalten und zu fördern, hat Barvinsky sein persönliches Glück und sein persönliches Prestige nachgeordnet, denn er hätte die Möglichkeit gehabt, weltweit Anerkennung zu erlangen und erfolgreich zu sein.
Dem repressiven Verhalten der sowjetischen Staatsmacht, die jede avantgardistische Musik zu unterdrücken suchte und die ukrainische Kunst als minderwertig bezeichnete oder ignorierte, war auch Barvinsky in tragischer Weise ausgesetzt.
Zusammenfassung:
Barvinsky ist ein Musiker, der das musikalische Leben in der damaligen Ukraine erheblich beeinflusste und belebte. Neben seinen Kompositionen war er im Bereich der Pädagogik und im publizistisch-kritischen, administrativen und gesellschaftlich-kulturellen Bereich tätig. Seinerzeit galt er als einer der leuchtendsten und intelligentesten Vertreter der ukrainischen Kultur mit erheblicher Innovationskraft und kompositorischer Stilistik.
Die breite Palette seiner Werke spiegelt sich in seinen zahlreichen Kompositionen:
(erste ukrainische) Präludien für Klavier (1908)
(erste ukrainische) Sextett (1915)
(erste ukrainische) Sonate für Violoncello (1926)
Autor des ukrainischen Cellorepertoires (Suite, Variationen, Stücke)
(erste ukrainische) Sonate für Klavier (1910)
(erstes ukrainisches Klavierkonzert (1917-1937)
Symphonische Vokalfantasie
Zahlreiche weitere Werke verschiedener Genre

